WORTE DES LEBENS:

20. Sonntag nach Trinitatis (21.10.2012) - 1. Korintherbrief 7,29-31

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Und: Was folgt daraus?

Paulus schärft uns ein: „Die Zeit ist kurz“. Johannes unterstreicht in der Offenbarung (Kapitel 1, Vers 3): „Die Zeit ist nahe“. Was bedeutet hier „kurz“, was „nahe“? Reden Paulus und Johannes von der gleichen Zeit? Kurz kann doch nur eine Zeitspanne bis zu einem Ereignis sein und nahe kann die Gegenwart einem künftigen Ereignis sein. Nahe kann ein Zeitpunkt sein – aber die Zeit selbst?

Paulus redet von der Zeit, die uns noch bleibt. Johannes redet von der Zeit, die anbricht, nachdem die Zeit, die uns noch bleibt, abgelaufen ist. Und diese Zeit ist nahe. Deshalb ist die Zeit, die bleibt, auch kurz. Paulus und Johannes reden also von demselben, nur mit unterschiedlichem Blickwinkel. Es geht um die Wiederkunft Christi. Es geht um den Eintritt Jesu Christi in unser Leben. Es geht darum, dass wir durch Jesus Christus neu geboren werden – eine neue Schöpfen sind. Und das ist etwas, was bereits begonnen hat, was wir heute erleben können und was sich in Zukunft vollenden wird.

Was wir mit „Zeit“ übersetzen heißt im Griechischen „kairos“. Doch „kairos“ ist nicht einfach deckungsgleich mit „Zeit“. Was wir „Zeit“ nennen heißt griechisch eher „chronos“. Doch das steht weder bei Paulus noch bei Johannes. Dort steht „kairos“ und „kairos“ bedeutet vorrangig „günstiger Augenblick“, „Gelegenheit“, „günstiger Zeitpunkt“.

Was heißt das für unsere beiden Aussagen? „Die günstige Zeit ist kurz.“ Und: „Der günstige Zeitpunkt ist nahe.“ Nun ergibt sich ein anderer Sinn. Es geht um Entscheidung. Es geht um Weichenstellung. Wenn die günstige Zeit kurz ist und der günstige Zeitpunkt nahe, so dürfen wir keine Zeit verlieren. Die Zeit drängt. Wird der richtige Zeitpunkt verpasst, ist es zu spät. Es gibt ein zu spät! Und dieses zu spät kann schneller kommen als man denkt.

Doch „kairos“ bedeutet auch „die von Gott gesetzte Zeit“, „der von Gott festgesetzte Zeitpunkt“. „kairos“ hat auch einen „chronos“-Aspekt. So klingen beide Bedeutungsdimensionen gleichzeitig an: wir befinden uns in einer gedrängten Zeit die zur Entscheidung drängt. Sie ist kurz und ein mögliches zu spät ist nahe.

Es geht dabei um alles. Es geht um unser Heil. Es geht um die Fülle des Lebens. Es geht um die Ewigkeit. Zugespitzt: es geht um Erlösung oder Verdammung. Das zu spät ist der Verlust aller Möglichkeiten, der Verlust aller Lebenschancen, der Verlust eines Seins bei und mit Gott. Das zu spät ist die Hölle. Und da man nie wissen kann, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, mahnen Paulus und Johannes zur Eile. Und zur Wachsamkeit. Jesus sagt: „Ihr wisst weder Tag noch Stunde.“

Es ist unerheblich, ob mit dem zu spät der leibliche Tod oder der Untergang der Welt gemeint ist. Die Folgen sind identisch.

Paulus mahnt deshalb auch zur Gelassenheit. Er rät nicht zur Flucht aus der Welt. Er rät nicht dazu, alles stehen und liegen zu lassen und – Mönch zu werden. Doch er rät dazu, zu den Dingen der Welt Abstand zu gewinnen. Sie zu haben und zu nutzten, als habe man sie nicht. Sich nicht an sie zu verlieren. Ihnen nicht einen Stellenwert geben, der ihnen nicht zukommt. Sie nicht zu Götzen zu machen. Ihnen nicht wie Göttern zu dienen.

Ignatius nennt eine solche Haltung: indifferent sein. Nichts einen unbedingten Vorrang geben. Weder Gesundheit, noch Krankheit, weder Reichtum noch Armut. „Darum ist es notwendig, uns allen geschaffenen Dingen gegenüber gleichmütig zu machen, dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dementsprechend in allen übrigen Dingen, einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziel hin fördert, zu dem wir geschaffen sind.“ (Die Exerzitien, 23)

Und diese Indifferenz den Dingen gegenüber muss täglich erneuert werden. Zu mächtig ist der Sog der Dinge, als dass wir uns ausruhen könnten, wenn wir uns einmal für Jesus Christus entschieden haben. Wir können, wie es im Sendschreiben an die Kirche in Ephesus heißt, „die erste Liebe verlassen“ (Offenbarung 2,4) und damit die Nähe Gottes, die wir haben, verlieren.

Wie viel Zeit bleibt uns also noch?

Wir wissen es nicht. Doch was spricht dagegen, die Zeit jetzt zu nutzen, um Gott zu dienen? Auf Gott zu hören? Und lasst uns nicht mehr damit aufhören!


Was folgt daraus?

Wachsamkeit.

Aufmerksamkeit.

Gelassenheit.

Vertrauen.

Geborgenheit.


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19. Sonntag nach Trinitatis (14.10.2012) - Jakobusbrief 5,13-16

„Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“

Heil werden. Das ist eine zentrale Erfahrung und Hoffnung des Glaubens. Zerbrochenes wird wieder zusammengefügt, Geknicktes wieder aufgerichtet, Beschädigtes wieder repariert.

Die Medizin beschränkt sich auf die Wiederherstellung der Gesundheit – wobei sie unter Gesundheit den Ausgangszustand vor einer Erkrankung meint. Das ist eine Hilfskonstruktion, da nur schwer angegeben werden kann, was Gesundheit genau ist. Der Philosoph Gadamer spricht deshalb auch von der „Verborgenheit der Gesundheit“. Die Psychotherapie hat – wie im Übrigen auch viele Heilpraktiker - gegenüber der Schulmedizin einen weiteren Heilungsbegriff. Ihr geht es darum, einen lebbaren Zustand zu ermöglichen, der durch Störungen, die weit in die Kindheit oder sogar in vorgeburtliche und familiengeschichtliche Konstellationen zurückreichen können, vereitelt wird. Deshalb ist es meist nicht möglich, einfach einen „gesunden“ Ausgangszustand wieder herzustellen, da es einen solchen möglicherweise gar nicht gibt. Vielmehr muss ein ganz neuer Zustand erarbeitet werden, der das körperliche und seelische Gleichgewicht umfasst. Sie kommt damit der Bedeutung des Worts „Heilung“ sehr nahe, das ein „Ganz-Werden“ bezeichnet. Wer Heilung begehrt, hat Sehnsucht nach Ganzheit.

Doch was heißt Ganzheit? Ist das nicht auch ein schwammiger Begriff, der alles und nichts sagt? Ist es nicht in verschiedenen pädagogischen Kontexten zu Recht verpönt, von Ganzheitlichkeit zu sprechen? Ich möchte nicht auf den Begriff verzichten, weil er – recht gebraucht – sehr gut eine Grundsehnsucht unseres Daseins knapp und knackig auszudrücken vermag. Wir Menschen sind nämlich auf Größeres ausgerichtet – ob wir das nun wollen oder nicht, ob wir das gut finden oder nicht. Und diese Grundsehnsucht kann beschrieben werden als Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, nach Glückseligkeit. Und genau das bringt das Wort „Ganzheit“ auf den Begriff.

Doch wie kann diese Sehnsucht gestillt werden? Wo kommt sie zum Ziel? Das Ziel nennt die Bibel Heil, Sein bei Gott, Himmel, ewiges Leben. Doch bis wir dorthin gelangt sind, befinden wir uns auf dem Weg, der ein Weg des Heils sein soll. Das Heil ist etwas, was gegenwärtig erlebbar, erfahrbar ist. Doch benötigen wir dazu meist Menschen, die uns zu dieser Erfahrung verhelfen – und andere Menschen benötigen uns dazu.

Deshalb erteilt Jesus uns Christen den Auftrag – unabhängig von Amt und Würden - zu heilen (vgl. etwa Matthäusevangelium Kapitel 10, Vers 8 oder das Lukasevangelium Kapitel 9, die Verse 1 und 2). Dabei meint Jesus Heil im umfassenden Sinne, das körperliche wie seelische Zerbrochenheit oder Deformationen einschließt: die Verbindung mit Gott wird wieder hergestellt. Deshalb schärft Jakobus ein, dass wir unsere Verfehlungen einander bekennen und füreinander beten sollen. Schuldbekenntnis und Gebet – diese beiden Handlungen führen zur Heilung.

Nun kann man nie genau sagen, was passiert, wenn wir dieser Anweisung folgen – etwa im Rahmen einer Salbung, die Jakobus ebenfalls empfiehlt. Eine Salbung unter Gebet kann heilende Prozesse auslösen. Es kann geschehen, dass es mit einer Krankheit besser wird und Schmerzen gelindert werden. Es kann geschehen, dass Menschen ihre Krankheit besser annehmen und mit ihren Schmerzen besser leben lernen. Es kann aber auch sein, dass auf der Erfahrungsebene gar nichts besser wird – und dass doch ein Krankheitsleiden auf das Leiden Jesus Christi hin transparent und jenes von diesem umgriffen wird. So kann der Satz bei Jesaja im 53. Kapitel lebens- und sinnspendend sein: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“.

Gott hilft, wie er will. Wir können ihm nicht vorschreiben, wie er wirkt, wie er auf unsere Gebete reagiert, wie er antwortet. Deshalb sagt auch Jakobus: „Das Gebet eines Gerechten vermag viel“ – das heißt: nicht alles. Wir dürfen uns nicht selbst überschätzen. Gerade dann, wenn uns die Gabe des Heilens besonders gegeben ist. Gott ist Herr, Gott allein!
Heilung bleibt letztlich ein Geheimnis. So kann es geschehen, dass ein Kind zur Welt kommt, das aus medizinischer Sicht keine Chance hätte. Oder ein gelähmter Cellist kehrt zurück auf die Konzertbühne, obwohl dies nach vier Hirnoperationen ausgeschlossen schien. Das sind Beispiele von Heilung, die wir rational nicht fassen können. Und doch sind sie real (vgl. dazu
www.das-geheimnis-der-heilung.de).

Lasst uns Heilung einfordern.

Lasst uns den Heilungsauftrag annehmen.

Lasst uns überlegen, wie wir ihn realisieren können – zum Heil von uns allen.

Lasst uns überlegen, wann wir einen Salbungs- und Heilungsgottesdienst feiern wollen.

Lasst uns damit beginnen – heute.

Und lasst uns die Heilung annehmen, die uns Gott zuteil werden lässt.

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18. Sonntag nach Trinitatis (7.10.2012) - Jakobusbrief 2,1-13

Auf welche Weise bestimmt dein Glaube deinen Umgang mit Anderen? Was ist dir wichtig und woran erkennst du das?

Jakobus, der Bruder Jesu, möchte uns zeigen, wie sich unser Glaube an Jesus Christus in der realen Welt bewähren kann. Dabei geht es ans Eingemachte. Er wird sehr grundsätzlich und im Ton manchmal sehr streng und hart. Dabei wird er im ganzen Brief nicht müde zu betonen, dass Glaube sich nicht darin erschöpft, Sätze für wahr zu halten. Etwa Sätze wie: Jesus Christus ist Gottes Sohn. Oder: Gott hat die Welt geschaffen. Die man dann auswendig lernen und aufsagen kann. Glaube ist eine Lebenswirklichkeit. Sätze wie „Jesus ist Herr“, „Jesus ist Sieger“, „Christus ist auferstanden“ bezeichnen eine erfahrbare Wirklichkeit. Solche Sätze haben für Christen Auswirkungen auf das persönliche Leben. Sie verändern sie. Sie bringen Frucht.

Provozierend stellt Jakobus die Frage: „Was nutzt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, er aber keine Werke hat? Kann ihn dann der Glaube retten?“ (Jak 3,14) Glaube und Werke gehören zusammen. Glaube und Erfahrung gehören zusammen. Glaube und erfahrene Befreiung und erfahrbare Freiheit gehören zusammen. Wenn dieser Zusammenhang verloren geht, verlieren Bekenntnissätze ihren Gehalt.

„Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.“

Zunächst: An der Spitze von Allem steht der Glauben an Jesus Christus. Zentral ist Jesus Christus. Ohne Christus geht es nicht. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 5,15)

Das scheint selbst unter Christen keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein. Wussten ihr, dass über die Hälfte der Christen nicht glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist? Nur 35 Prozent der Christen glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und nur 30 Prozent glauben an die Auferstehung der Toten. Hättet ihr das für möglich gehalten? Demgegenüber glauben 20 Prozent an Seelenwanderung – 1986 waren es noch 7 Prozent. Und zugenommen hat auch der Glaube, dass es verschiedene Götter gebe, die alle ihren eigenen Bereich hätten. 10 Prozent glauben das. 1986 waren es noch 4 Prozent. Wohlgemerkt: unter Christen. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Allensbach-Institutes. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die FAZ, hat diese Studie in Auftrag gegeben und schreibt: „Das Christentum wird gleichsam von innen ausgehöhlt. Die Kernbotschaft findet immer weniger Glauben.“ (FAZ vom 26.09.2012)

Jakobus betont: Den Glauben an Jesus Christus sollen wir „frei halten von allem Ansehen der Person“. Wir sollen unparteiisch sein. Uns nicht an Äußerlichkeiten orientieren. Keine Favoriten unter den Schwestern und Brüdern haben. Keine Glaubensstars oder spirituellen Gurus. Der Glaube an Jesus Christus schaut tiefer. Durchbricht den äußeren Schein.

Doch: Geht das überhaupt? Vergegenwärtigen wir uns zur Beantwortung das Beispiel, das Jakobus anführt.

„Wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! Und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! Oder: Setze dich unten zu meinen Füssen!“

Die Szene ist eindrücklich. Jakobus führt vor Augen, welche Macht Äußerlichkeiten auf unser Urteil ausüben. Das, was sichtbar ist, bildet die Grundlage für unsere Einschätzung, um was für einen Menschen es sich wohl handelt, dem wir da begegnen.

Kleider machen Leute, sagt der Volksmund.

Und so können wir durch unsere Kleidung oder durch Statussymbole wie Autos, Apple-Notebook, iPhone, etc. etwas vortäuschen, was der Wahrheit nicht entspricht.

So kaufte sich der Schuster Wilhelm Voigt in Carl Zuckmayers
Der Hauptmann von Köpenick eine Hauptmannsuniform, um als Hauptmann zu erscheinen. Das funktionierte dann auch recht gut – wenngleich Wilhelm Voigt durch die Uniform nicht wirklich Hauptmann wurde.

Das Beispiel zeigt die Gefahr, die mit einer ausschließlichen Orientierung an Äußerlichkeiten verbunden ist.

Und genau daran möchte uns Jakobus erinnern. Hier unterscheiden wir uns vom Denken der Welt. Der schöne Schein scheint in unserer Welt im Vordergrund zu stehen. Wir merken es an Formulierungen wie: „Wie mag das wirken?“ „Wie sieht das denn aus?“ Weil das so ist, versuchen wir gut dazustehen. Einen guten Eindruck zu machen. Auch wenn die Fassade etwas verbirgt. Wichtig ist, dass sie wirkt. Dass unser Auftritt gelingt. Und wie es in uns aussieht, bleibt verborgen. Wie unsere Partnerschaft in Wahrheit aussieht, bleibt versteckt.



Machiavelli, der Machttheoretiker der Politik, empfiehlt als Realist geradezu: wenn man in dieser Welt etwas erreichen will, so muss man an seiner Wirkung arbeiten. Eine eindrucksvolle Fassade aufbauen. Er stellt die These auf: es ist wichtiger, gerecht zu erscheinen als wirklich gerecht zu sein.

Nicht so bei Christus: Gott schaut das Herz an.


Jakobus schreibt weiter: „Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen der Welt?“

Wie sollen wir das verstehen? Viele biblische Theologen und Ausleger weisen darauf hin, dass Gott ein Gott der Schwachen sei, der Entrechteten, der Gefolterten, der Armen. Dass er das Kleine erwählt – wie auch Israel, das klein und schwach ist. Wenn das so stimmt, dann hätten wir ein Problem. Wir zählen nämlich zu den Reichsten der Erde. Sie können im Internet schauen, an welcher Stelle Sie mit Ihrem persönlichen Einkommen stehen.
www.globalrichlist.com heißt die Seite. Selbst diejenigen, die hier in Deutschland auf soziale Leistungen angewiesen sind, können einen Lebensstandard erreichen, den vor 50 Jahren Facharbeiter in voller Anstellung erreichen konnten. Darauf hat kürzlich Helmut Schmitt hingewiesen. Auch sie gehören - global gesehen - zu den oberen 10 %.

Sollen wir arm werden, um erwählt werden zu können?

Diese Frage ist immer wieder in der Kirchengeschichte gestellt worden. Im Mittelalter gab es sogar eine ausgedehnte Diskussion darüber, ob die Kirche und alle Gläubigen arm sein sollen – ja müssen, um Jesus nachfolgen zu können. Eindrucksvoll wurde so eine Diskussion im Film „Der Name der Rose“ in Szene gesetzt. Dort sitzen die reichen Kirchenvertreter mit goldbestickten Gewändern und dicken Ringen den einfach in Kutten gekleideten Franziskanern gegenüber.

Wie lautet die Antwort? Die Antwort ist eindeutig: Nein! Jakobus macht keine Front zwischen Armen und Reichen auf. Auch Jesus tut das nicht. Die soziale Stellung spielt für Gott keine Rollen. Doch der Reichtum ist mit Gefahren verbunden. Gefahren, die es Reichen besonders schwer machen, zu Gott zu finden – und bei ihm zu bleiben. Reichtum – Geld – ist nämlich eine Macht. Eine Macht, die den ganzen Menschen bestimmen kann. Eine Macht, die unbedingten Gehorsam fordert. Eine Macht, die Sicherheit verspricht und Wohlergehen. Eine Macht, die dem Reichen selbst Macht gibt. Wir sprechen nicht zufällig von Vermögen. Ein Vermögen ist etwas, mit dem wir etwas machen können, etwas vermögen. Mit Geld kann man sich schöne, qualitativ hochwertige und zweckmäßige Kleidung kaufen. Mit Geld kann man sich ein schönes Zuhause einrichten. Mit Geld kann man eine gute Ausbildung finanzieren und sich fortbilden und damit die Voraussetzungen fürs Geldverdienen schaffen und erhalten. Mit Geld kann man sich im Krankheitsfall eine gute Therapie leisten. Mit Geld kann man fürs Alter vorsorgen. Deshalb spielt Geld auch so eine große Rolle.

Das ist keine Kritik am Geld und am Reichtum.

Problematisch wird es, wenn Geld zur alles bestimmenden Macht wird. Wenn ihm alles untergeordnet wird. Wenn ihm persönliche Beziehungen geopfert werden. Wie viele Ehen wurden auf dem Altar des Geldes schon geopfert? Hiervor warnen die biblischen Autoren unisono. Jesus tut das. Paulus tut das. Petrus tut das. Johannes tut das. Und Jakobus ebenso. Und damit wissen sie sich einig mit den Autoren des Alten Testaments. Jesus Sirach (Sir 31,5-8) etwa schreibt: „Wer Geld liebhat, der bleibt nicht ohne Sünde; und wer Gewinn sucht, der wird damit zugrunde gehen. Viele kommen zu Fall um Geldes willen, und ihr Verderben steht ihnen vor Augen; die danach trachten, stürzen darüber, und die Unverständigen verfangen sich darin. Wohl dem Reichen, der untadelig geblieben ist und nicht das Geld sucht!“ Wir können hinzufügen: Sondern Gott.

Ich denke, jeder von uns kann Beispiele nennen, die dies belegen.
Wie können wir also den Satz verstehen, den Jakobus geschrieben hat? „Hat nicht Gott erwählt die Armen der Welt?“

Zunächst: Es steht nicht da, Gott habe
nur die Armen erwählt. Zwar bedürfen die Armen besonderer Zuwendung. Doch Arm-Sein ist in Gottes Augen kein Privileg. Vielmehr gilt der Kampf durchweg der Armut. Armut soll überwunden werden. Doch dabei können große Fehler gemacht werden. Dass die von Jakobus angeredeten Erwählte sind, ist klar. Jakobus kritisiert eine Praxis, die Arme diskriminiert und dadurch entehrt. Deshalb ruft er in Erinnerung: Gott hat auch die Armen erwählt. Und diese ganz besonders, weil sie aus eigener Kraft es nicht schaffen. Sie brauchen euch. Und sie brauchen euer Geld.

Das Arm-Sein an sich ist kein Kriterium für Gott. Jakobus führt den Satz weiter: „die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheissen hat denen, die ihn liebhaben“. Es kommt etwas dazu. Nämlich Glaube und Gottesliebe. Zugespitzt formuliert: auch Arme, die nicht Glauben und Gott nicht lieben, können ihre Erwählung aufs Spiel setzen. Genauso wie die Reichen. Und auch dies betont Jakobus in seinem Brief. Es gab offenbar auch solche Arme, die den reicheren Gemeindegliedern ein schlechtes Gewissen machten und die Ethik des Helfens für sich ausnutzen wollten, ohne sich von Gott im Herzen berühren lassen zu wollen.
Wir können also, wenn wir den Satz aus dem speziellen Kontext bei Jakobus herauslösen, getrost verallgemeinern: „Gott hat alle Menschen erwählt – Arme und Reiche -, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheissen hat denen, die ihn liebhaben“.

Jesus machte sich auf zu den Sündern und Zöllnern. Nicht die Frommen waren seine vorrangige Zielgruppe. Die Gesunden brauchen keinen Arzt. Die Gesunden stehen vielmehr auf der Seite Jesu. Sie können und sollen selbst Arzt sein.

Den gescheiterten Existenzen wollte Jesus einen neuen Platz im Leben zuweisen. Er wollte ihnen zeigen, dass sie nicht vergessen sind, sondern dass Gott ihnen auch im Scheitern seine liebende Hand nicht entzieht. So wie auch er selber in seinem vermeintlichen Scheitern am Kreuz nicht den Bezug zu Gott verloren hat.

Jesus spricht in den Seligpreisungen die selig, die arm sind, arm im Geiste, arm im Leben, arm im Glauben. Selig sind die, die Leid tragen, die Mangel leiden. Selig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.

Armut bedeutet nicht nur materielle Mittellosigkeit. Armut ist eine Form von Gefangenschaft. Und Gefangenschaft signalisiert:


    Wer gefangen ist, möchte befreit werden oder sich befreien können. Doch was ist, wenn kein Schlüssel zu finden ist. Was ist, wenn keiner die Tür zur Freiheit aufschließt?

    Jakobus möchte mit Jesus uns dafür gewinnen, die Mühseligen und Beladenen aufzusuchen und ihre Last zu lindern. Ihnen zu helfen.

    Die christliche Handlungsaufforderung, die jedem geläufig ist, lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Handelt danach, so tut ihr recht.

    Wie lieben wir unseren Nächsten? Wie gehen wir mit ihm, mit ihr um? Was treibt uns an, uns zuzuwenden oder vor allem, was hindert uns daran und was lässt uns abwenden von denen, die unsere Liebe doch so dringend nötig haben?

    Helfen wir mit, die Gefangenen zu befreien! Wir haben den Schlüssel. Und der Schlüssel heißt: Jesus Christus.

    Und hoffen wir auf Hilfe, damit auch wir unsere Fesseln lösen können. Denn machen wir uns nichts vor: Auch wir benötigen Liebe.

    Vielleicht denkt der ein oder andere: das ist ja reichlich naiv gedacht. Was es hier braucht sind politische Programme, Anreize oder höhere Sozialleistungen. Das ist sicher auch richtig. Das spricht aber nicht gegen meine Behauptung, dass der Schlüssel, der die Tür unseres Gefängnisses aufschließen kann, Jesus Christus heißt. Das lässt sich sogar empirisch belegen. Der Eintritt und das Engagement in eine christlichen Gemeinde geht regelmäßig mit einem sozialen Aufstieg einher.

    Christus befreit real von unheilvollen Bindungen.
    Und: Christus befreit zu mutigen Tagen.

    Befreiung ist nicht nur aus materieller Armut möglich und nötig. Unheilvolle Bindungen gibt es in Hülle und Fülle. Denken Sie nur an die vielen Kinder in unserer Gesellschaft, die von ihren eigenen Eltern oder Verwandten oder Schutzbefohlenen misshandelt oder sexuell missbraucht werden. Denken Sie an Gewalt in der Ehe. Denken Sie an die Macht der eigenen Vergangenheit, der eigenen Familiengeschichte, die uns bindet, uns am wirklichen Leben hindert.

    Lasst uns also mit offenen Augen durchs Leben gehen.
    Helfen wir die Gefangenen befreien.
    Wir haben den Schlüssel.
    Und der Schlüssel heißt: Jesus Christus.
    Und wir haben Ressourcen, Geld.
    Lasst uns teilen. Lasst uns Täter des Wortes Gottes sein.
    Wir werden gebraucht.


    "Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit." Sagt Dietrich Bonhoeffer in seinem Gedicht Stationen der Freiheit. Und weiter: "Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen." (Dietrich Bonhoeffer, Stationen der Freiheit)
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    17. Sonntag nach Trinitatis (30.9.2012) - Jesaja 49,1-6

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    16. Sonntag nach Trinitatis (23.9.2012) - Apostelgeschichte 12,1-11

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    Die Textauswahl folgt den Predigttexten der evangelischen Kirche in Deutschland. Meine Ausführungen wollen einen Beitrag zur Vorbereitung auf den Sonntagsgottesdienst leisten. Darüber hinaus bieten sie Gelegenheit, über Worte des Lebens nachzudenken und sich ihrer in den unterschiedlichsten Lebenssituationen zu versichern. Die Kategorien helfen bei der Suche nach einem Text für die individuell vorliegende Situation. Die Tags erlauben es, speziellere Fragestellungen unterhalb der Kategorien zu finden.
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